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VVO TITELTHEMA HOCH ZU RAD Im Velocium Weinböhla können die Besucher Fahrradgeschichte erleben und verschiedene Gefährte selbst ausprobieren. Auf ein Hochrad aufzusteigen ist alles andere als einfach: Das merken Besucher des Velociums in Weinböhla spätestens dann, wenn sie das „aufgebockte“ Modell in der Ausstellung ausprobieren. Bei Steffen Stiller dagegen ist das Manöver längst in Fleisch und Blut übergegangen. „Einfach anschieben wie einen Roller“, sagt der Museumschef knapp und sitzt im Handumdrehen im Sattel eines „richtigen“ Gefährts. Zum Kunstradfahren kam Stiller einst durch den Vater eines Schulkameraden, und es hat ihn auf Anhieb fasziniert – bis 2002 beteiligte er sich sogar an Rennen. „Im Radfahrerverein Weinböhla haben wir eigene Hochräder“, berichtet der 59-Jährige. „Damit treten wir auch bei Festen auf.“ Doch weil es häufig Streit um die historischen Velos gab, wollte Stiller ein eigenes Hochrad besitzen. „Auf meine Annonce bekam ich viel Resonanz und hatte bald nicht nur eins, sondern 15 Stück.“ Damit war Stillers Leidenschaft geweckt und der Grundstein für die heute im Velocium gezeigte Sammlung gelegt. Durch weitere Zeitungsanzeigen und das Stöbern in stillgelegten Werkstätten wuchs der Bestand schnell. Dass viele Räder in schlechtem Zustand waren, störte den gelernten Fahrzeugschlosser und studierten Maschinenbauingenieur nicht: Er hatte das nötige Geschick und Know-how für eine fachkundige Restauration. Zu seinen Lieblingsstücken gehören ein Sicherheits-Hochrad von 1887, ein „Hängemattenfahrrad“ Pedersen von 1904 und ein Jaray-Sesselrad von 1921.

6 I 7 Im Obergeschoss wird Fahrradgeschichte lebendig. Aktive Besucher können eine Radtour simulieren. Eine denkmalgeschützte Scheune neben dem Zentralgasthof Weinböhla wurde zum Glücksfall für Stillers Sammlung. Im Rahmen der Velocipediade 2017 richtete der Radfahrerverein dort eine Sonderausstellung zum Thema „200 Jahre Fahrrad“ aus; zudem gab es ein deutschlandweites Treffen historischer Räder. „Das brachte unserem Verein viel Aufmerksamkeit“, erinnert sich Stiller. „Und weil der Gemeinderat ohnehin eine neue Nutzung für die Scheune suchte, ergab sich die Chance für ein Museum.“ Daraus wurde dann eine ganze Fahrrad-Erlebniswelt, für die man die Scheune ab Sommer 2019 mithilfe von Fördermitteln sanierte. „Historische Schaustücke wurden detailverliebt in einen modernen interaktiven Rahmen integriert“, heißt es auf einer Schautafel. „Das Außengelände mit seinen Ausprobierrädern und dem im Umkreis einzigartigen Pumptrack, einer speziellen Mountainbikestrecke, verbindet die Ausstellung mit einem aktiven Erlebnis.“ Aktuell sind in der 2020 eröffneten Schau etwa 90 Fahrräder, über 1.000 Kleinteile und eine komplett eingerichtete Werkstatt mit Interieur aus den 1920er- bis 1970er-Jahren zu sehen. Im Erdgeschoss geht es vor allem um regionale Historie: zum Beispiel um die Weinböhlaer Radvereine, die Hersteller und Händler von Fahrrädern und Einzelteilen und die besagte Werkstatt, die auf Beständen der einstigen Firma Wett basiert. „Die Führungen mit Schulklassen beginne ich aber gleich im Obergeschoss“, sagt Steffen Stiller. „Denn dort wird die Geschichte des Fahrrads sehr kurzweilig und anschaulich dargestellt.“ Als „Urknall“ bezeichnet der Experte die Laufmaschine von Karl Drais. Und weiß zu berichten, dass sich die 1817 vorgestellte Erfindung nicht so recht durchzusetzen vermochte: „Vielerorts wurden die Laufmaschinen sogar verboten, weil es immer wieder zu Zusammenstößen mit Fußgängern kam.“ Erst ein halbes Jahrhundert später habe sich die Entwicklung fortgesetzt – als nämlich Pierre Michaux eine alte Laufmaschine ertüchtigen sollte und dabei auf die Idee mit der Tretkurbel kam. Von da an, so Stiller, sei es Schlag auf Schlag gegangen: 1864 das erste Radrennen, um 1875 das Hochrad, um 1885 das sicherere Niederrad. „Die letzte entscheidende Erfindung war die Luftbereifung vom Tierarzt John Boyd Dunlop. Er wollte seinem Sohn das Fahren im Rollstuhl angenehmer machen und sorgte gleichzeitig dafür, dass Radfahren für Frauen attraktiver wurde.“ Viele weitere Originalexponate, darunter Modelle der Marken Diamant, Simson und Mifa, Renn-, Militär- und Kinderfahrräder machen die Fahrradgeschichte bis in die Neuzeit lebendig. Ein Highlight für die jungen Besucher ist das interaktive Puzzle, bei dem verschiedene Räder digital zusammengebaut werden können. Zudem gibt es Fahrradsimulatoren, ein historisches Würfelspiel zum Thema Hochräder und kleine Werbefilme. Einzelbesucher verbringen im Schnitt eineinhalb, Schulklassen meist drei bis vier Stunden im Velocium – besonders beliebt ist die Erlebniswelt im Fahrradunterricht der 4. Klassen. Die Museumsräume werden auch für Vorträge und private Feiern genutzt; im Veranstaltungsprogramm stehen Ausfahrten in die Umgebung und Sammlerbörsen. Vom 16. bis 18. September steigt im und um das Velocium das 1. Fahrradfest Weinböhla. Weitere Infos unter www.velocium-weinboehla.de

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