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Medizin Heute 08_2022

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Seite 4 Schwerpunkt Demenz DEMENZ-ARZNEIMITTEL AUF DEM HANDY? Mittlerweile können auch sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen bei Demenz verschrieben und von Krankenkassen bezahlt werden. Mit garantierter Sicherheit. Text: Jens Fritzsche SINNVOLLE ERGÄNZUNG, UM KOGNITIVE ODER MOTORISCHE FÄHIGKEITEN ZU ERHALTEN! Digitale Medikamente? Als erster Gedanke liegen digitale Pillen nahe; von denen jüngst weltweit in den Medien die Rede war. Den tatsächlich gibt es mittlerweile Tabletten, in denen winzige Computerchips stecken, die durch die Magensäure aktiviert werden und dem behandelnden Arzt via Internet mitteilen, dass Patienten ihre Medikamente auch so wie verschrieben eingenommen haben. Gerade bei Patienten, bei denen eine Demenzerkrankung diagnostiziert wurde, kann das sinnvoll sein. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hatte bereits 2017 diese erste „digitale Pille“ zugelassen. Mittlerweile ist dieses Angebot weiter angewachsen und zu einer festen Größe geworden. Gerade mit Blick auf Demenz wichtig Aber gerade mit Blick auf das Thema Demenz sind mit digitalen Arzneimitteln dennoch nicht allein solche Tabletten gemeint, sondern vielmehr die sogenannten „digitalen Gesundheitsanwendungen“. Apps und Computerprogramme, die von Medizinern verschrieben werden können – und die zuvor selbstverständlich wissenschaftlich geprüft und durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte offiziell zugelassen werden müssen. Schließlich geht es auch hier um Arzneimittelsicherheit. Um das zu gewährleisten und auch, um gefährlichen Wildwuchs zu verhindern, wurde 2019 das Digitale Versorgung-Gesetzes (DVG) umgesetzt. Seither dürfen Ärzte und Psychotherapeuten auch solche digitalen Gesundheitsanwendungen verordnen; und die Krankenkassen erstatten die entsprechenden Kosten. Voraussetzung hierfür ist, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zu den Angeboten eine positive Bewertung abgegeben hat und die Aufnahme ins offizielle Verzeichnis erfolgt ist. Eine Übersicht dazu gibt es auf der Internetseite des Bundesinstituts. Es handelt sich dabei um digitale Programme, die helfen, Krankheiten zu erkennen oder auch die Behandlung von Erkrankungen unterstützen. Gesundheits- Apps beispielsweise, die Patienten dann auf ihrem Smartphone oder Tablet nutzen können. So sind unter anderem digitale Diabetes-Management-Apps zu finden oder auch Web-Anwendungen für den Kampf gegen Schmerzen. Und zahlreiche Anwendungen, die Demenz-Patienten helfen können, ihr Gehirn im Takt zu halten. Spielerisch können hier zum Beispiel Fragen beantwortet werden oder auch geometrische Probleme gelöst werden. Als Ergänzung zur Therapie ist das in jedem eine sinnvolle Entwicklung machen Mediziner deutlich. Und so wenden längst auch Kliniken und niedergelassene Ärzte solche Apps im Rahmen der Therapie an. Vor knapp einem Jahr hatten bereits die damalige Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) und der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei einer digitalen Tagung des Netzwerks Nationale Demenzstrategie für solche digitalen Anwendungen in der Pflege von Menschen mit Demenz geworben. Spielerisches Gehirnund Gedächtnistraining oder Apps zum Bewegungstraining seien sinnvolle Ergänzungen, um kognitive oder motorische Fähigkeiten zu erhalten und Sicherheit im Alltag zu gewährleisten, so Spahn. Eine Zielrichtung, an der sich auch unter neuer Führung nichts geändert hat. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) machte sich im Frühjahr auf der Fachmesse DMEA in Berlin für einen „Schub bei digitalen Gesundheitsanwendungen“ stark. ................................................. q Verzeichnis digitaler Gesundheitsanwendungen: diga.bfarm.de SCHLAFMANGEL SCHLECHT FÜRS HIRN Untersuchungen zeigen, dass zu wenig Schlaf das Risiko für Demenz und Alzheimer erhöhen kann. Schuld daran sind Eiweiße im Hirnwasser. Text: Jens Fritzsche Dass Schlafstörungen ein frühes Anzeichen für Demenzerkrankungen sein können, wissen Mediziner schon länger. Jetzt allerdings wird zunehmend deutlicher, dass Schlafmangel andersherum auch eine Alzheimer- DIE MÜLLABFUHR IM GEHIRN BRAUCHT AUSREICHEND SCHLAF Erkrankung begünstigen kann. Der Grund dafür sind sogenannte Beta-Amyloide. Bei Schlaflosigkeit und generell bei zu wenig Schlaf steigt der Spiegel dieser Proteine, die Abfallprodukte des Stoffwechsels im Körper sind. Das bedeutet also, dass die eigentlich im Schlaf stattfindende „Müllabfuhr“ im Gehirn und im zentralen Nervensystem bei Schlafmangel erheblich stockt. Statt ausgeschieden zu werden, reichern sich die Beta- Amyloide also im Gehirnwasser an. Was dramatische Folgen haben kann: Denn bei Alzheimerpatienten verklumpen diese Eiweiße letztlich zu sogenannten Plaques, die dann quasi Nervenzellen zerstören können. Zu entsprechenden Ergebnisse sind Forscher bei Untersuchungen von Mäusen gekommen, die im Labor künstlich unter Schlafentzug gesetzt worden waren. Gleiche Ergebnisse haben sich dann auch bei Menschen gezeigt, die an Schlafstörungen leiden. Auch hier konnten im Gehirn deutlich mehr Beta- Amyloide nachgewiesen werden. Allerdings haben zahlreiche Untersuchungen ebenfalls gezeigt, dass nicht jede schlaflose Nacht unbedingt Folgen fürs Gehirn haben muss! Eine oder zwei schlaflose Nächte kann die körpereigene „Müllabfuhr“ nämlich problemlos korrigieren. Schwieriger wird das allerdings bei chronischem Schlafmangel. Aber auch hier gilt: Nicht jeder Mensch reagiert gleichermaßen. Denn mit Schlafmangel geht jeder Körper auf seine eigene Art und Weise um. Klar ist aber: Ausreichend Schlaf ist in jedem Fall wichtig und gesund; unabhängig vom Alzheimer-Risiko!

Schwerpunkt Demenz Seite 5 NOCH FEHLEN BAHN- BRECHENDE THERAPIEN Im Dresdner St.-Marien-Krankenhaus haben sich die Experten der Neurologie auf sichere Tests spezialisiert, um frühzeitig Demenz-Erkrankungen festzustellen. Das ist dringend notwendig. Text: Jens Fritzsche Foto: Thorsten Eckert Es ist die Angst vor der Antwort. Aber die Antwort ist wichtig, um den richtigen Umgang mit der Diagnose finden zu können. Es ist zunächst die Antwort auf die Frage, ob es sich bei bestimmten Ausfallerscheinungen des Gehirns tatsächlich um die so gefürchtete Demenz handelt. Die Antwort lautet jedes Jahr bei rund 300.000 Deutschen: Ja, es ist Demenz. Aktuell leben hierzulande rund 1,6 Millionen Betroffene. „Es gilt natürlich auch bei Demenz, was bei allen Erkrankungen gilt, je früher sie erkannt wird, umso besser kann gegengesteuert werden“, macht Dr. Wolfgang Meister klar, der Chefarzt der Klinik für Neurologie am St.-Marien-Krankenhaus Dresden, in dem alle neurologischen Krankheitsbilder behandelt werden. Das Problem, Demenz rechtzeitig zu erkennen ist, „dass die geistigen Veränderungen von Betroffenen im normalen Umfeld anfangs meist kaum auffallen“. Oft ist Demenz eine Nebendiagnose Häufig fallen Patienten auch bei der Behandlung anderer Krankheiten auf; bei Schlaganfällen zum Beispiel. „Wir sind eine akut-neurologische Klinik und im Rahmen der Akut-Zuweisung stellen wir mitunter Merkmale einer Demenz fest, INFO-PLUS DEMENZ „Unsere Gesellschaft wird immer älter, Demenz wird damit ein immer größeres Thema“, so Dr. Wolfgang Meister. „Vereinfacht gesagt, funktioniert der Abtransport der Stoffwechselprodukte aus dem Gehirn nicht mehr.“ Die Müllentsorgung ist quasi gestört. Die Abfälle bleiben liegen und verkleben sich. Dadurch sterben Gehirnzellen ab. Wie bei einem Puzzle fehlen dann Teile. „Es klingt eigentlich einfach, aber eine Therapie gibt es derzeit noch nicht!“ Zumindest ist Prävention möglich; „körperliche Aktivität und gesunde Ernährung helfen auch hier“. Die Neuropsychologinnen Anika Winkelmann (l.) und Claudia Rudolf testen am St.- Marien-Krankenhaus Dresden Patienten auf Demenz. die wir dann abklären müssen“, so der Chefarzt. „Aber meist läuft die Demenz-Erkrankung dann oft schon seit Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten“, beschreibt der Dresdner Neurologe die Schwierigkeiten. „Dann sind oft bereits viele Nervenzellen im Gehirn zugrunde gegangen …“ Das lässt sich nicht mehr reparieren, weiß Dr. Wolfgang Meister. Ein Fakt mit fatalen Auswirkungen. Gerade bei Demenz. „Obwohl wir zwar vieles mittlerweile sehr genau diagnostizieren können, haben wir bis heute leider keine wirklich bahnbrechende Therapie“, räumt er ein. Heißt, im Moment können Mediziner lediglich den Verlauf verlangsamen oder hier und da vielleicht sogar vorübergehend stoppen. Umso wichtiger ist das frühe Erkennen der tatsächlichen Erkrankung. Zahlreiche Testverfahren für Demenz Um festzustellen, ob es sich tatsächlich um eine Demenz handelt, gibt es mehrere sichere Testverfahren. „Diese Tests können helfen, um die Ursachen und Ausprägungen der kognitiven Beeinträchtigungen festzustellen“, macht Claudia Rudolf deutlich. Die Neuropsychologin hat sich gemeinsam mit ihrer Kollegin Anika Winkelmann auf die Tests und die anschließenden Therapieansätze spezialisiert. Leiden Patienten beispielsweise an Depression, „kann „Um es deutlich zu sagen: Je eher wir eine Erkrankung und die Art der Demenz erkennen können, umso größer ist die Chance, gegenzusteuern und den Abbau zu verlangsamen!“ das auch Auswirkungen auf die Hirnleistung haben“, weiß sie. „Wir prüfen deshalb unter anderem verschiedene Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistungen“, erklärt Anika Winkelmann. Es geht beispielsweise darum, festzustellen, ob das Gehirn noch in der Lage ist, neue Informationen zu erfassen und zu speichern. „Durch diese Daten lässt sich auch das Fortschreiten der Erkrankung ableiten.“ Auf all diesen Ergebnissen beruhend, wird dann eine entsprechende Therapie empfohlen. Wichtig ist die Aufklärung des Umfelds der Betroffenen „Um es noch einmal deutlich zu sagen: Je eher wir eine Erkrankung und die Art der Demenz erkennen können, umso größer ist die Chance, gegenzusteuern und den Abbau zu verlangsamen“, hofft der Chefarzt Dr. Wolfgang Meister auf mehr Mut, sich bei ersten Anzeichen – wie Wortfindungsstörungen oder deutliche Vergesslichkeit – rechtzeitig einem solchen Test zu unterziehen. „Diesen Mut sollte dabei auch das Umfeld haben, das indirekt betroffen ist“, ist der Dresdner Neurologe überzeugt. ............................................................. q St.-Marien-Krankenhaus Dresden Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie Selliner Straße 29, 01109 Dresden Einwahl: 0351 88320 www.mkh-dresden.de DEMENZ-THERAPIEN AM ST.-MARIEN- KRANKENHAUS Ein wichtiger Therapieschritt ist die AKTIVIERUNG DER NER- VENZELLEN im Gehirn. Gedächtnistraining kann den Verfall spürbar verlangsamen. Ob Menschen, die frühzeitig mit solchen Trainings beginnen ein geringeres Erkrankungsrisiko haben, ist wissenschaftlich noch nicht erwiesen. Klar ist aber, dass der Verlauf deutlich verlangsamt werden kann. Zu einer Therapie sollte unbedingt auch KOMPENSATION gehören. Heißt, Gedächtnishilfen für den Alltag zu schaffen. Die Betroffenen üben dabei regelmäßig Tätigkeiten, die zum Alltag gehören: Einkaufen zum Beispiel, Kochen, Körperhygiene oder auch Arbeiten im Haushalt. Die Therapeuten und Mediziner im St.-Marien-Krankenhaus beraten in diesem Zusammenhang Angehörige von Betroffenen, um unter anderem auf Konflikte vorbereitet zu sein, die sich dabei ergeben. Natürlich spielen auch bei der Behandlung von Demenz-Erkrankungen MEDIKAMENTE eine wichtige Rolle. „Es gibt zahlreiche zugelassene Medikamente, die helfen, die Aufnahme der Betroffenen in stationäre Pflege zu verzögern“, unterstreicht Chefarzt Dr. Wolfgang Meister die Bedeutung dieses Behandlungsweges. „Und natürlich schauen wir auch auf alle Medikamente, die die Patienten einnehmen, um unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen zu verhindern – dann passen wir die Medikation genau darauf an!“ In jedem Fall gilt: Je länger Betroffene selbstständig im angestammten Umfeld leben können, umso einfacher lässt sich auch ein Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen. Ein wesentlicher Teil der Therapie am St.-Marien-Krankenhaus ist allerdings die AUFKLÄRUNG DES UMFELDS der Betroffenen über die Krankheit. Demenz kann zum Beispiel aggressiv oder depressiv machen. „Darauf müssen Angehörige vorbereitet sein“, unterstreicht Dr. Wolfgang Meister. (JF)

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